Traktate
Titel Wann? Geheimnummer 06/96 Eckkneipe 06/96 Multimedia 12/95
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Copyright 1996 Wilhelm Meyerhoff
Das Problem hatten die Römer nicht. 1. Legion, 3. Kohorte, 12. Manipel, 2. Zenturie. So hatte der Legionär seine Zugehörigkeit zu melden. Dann kannte er noch die Höhe des Soldes und vielleicht sein Geburtstagsdatum. Mehr brauchte er sich nicht zu merken. Und wie ist es heute?
Gerade habe ich mir ein weiteres Konto einrichten lassen. Ob ich eine Scheckkarte wolle? Daran hatte ich gar nicht gedacht. Ja, gern. Ich möchte doch immer und überall flüssig sein. Ach so, eine neue Geheimnummer bekomme ich auch. Könnten Sie mir nicht die gleiche, wie für mein anderes Konto ...? Nein? Entschuldigung, hätte ja sein können.
Langsam zweifele ich, ob ich mir die ganzen Nummern noch merken kann, die heute im Plastik versteckt sind. Jetzt habe ich zwei Konten mit Geheimnummer, ebenso zwei Kreditkarten. Bitte nicht fragen, ob ich die brauche. Das ist eine andere Geschichte. Zählen wir mal mit. Vier Nummern haben wir schon. Zwei Schließfächer in der Geheimregistratur in der Firma, natürlich auch Top Secret, ergeben sechs. Was noch? Ach ja, das Handy! Das hat einen PIN-Code, eine Persönliche Identifikations-Nummer, die ich eingeben muß, um das Gerät und mich vor unbefugtem Gebrauch zu schützen.
Beim Fliegen darf das Geheimnisvolle natürlich auch nicht fehlen. Das Sammeln von Bonusmeilen benötigt für bestimmte Korrespondenz mit der Fluggesellschaft ... na, was wohl? Richtig, eine Geheimnummer. Macht schon acht.
Bislang habe ich die Nummern noch auseinanderhalten können.
Aber Störfeuer für die Gehirnzellen ist schon da. Denn am Anfang steht das Wort. Und das Wort ist Paßwort. Und es ist ein gutes Wort. Denn keiner hat Zugang zu meinen Sachen. Ich auch nicht, wenn ich es vergesse. Aber was heißt hier ein Paßwort! Mein PC in der Firma hat eines, der BTX-Zugang braucht es und die elektronische Kontoführung bei der Bank sowieso. Wenigstens können dort alle Konten unter einem Paßwort verwaltet werden. Macht elf Dinger zum Merken. Hast Du mit dem Rechner schon mal Mail-Boxes erforscht? Nein? Dann lege Dir eine Sammlung von Paßwörtern an. Denn jede Box, in die Du mehr als einmal reinwillst, verlangt danach. Ich reiße mich im Moment zusammen und bin nur in einer vertreten. Zwölf. Mein System habe ich jetzt optimiert und verwende manche Paßwörter mehrfach. So ganz wohl ist mir bei der Sache aber nicht. George Orwell läßt grüßen.
Und nicht zu vergessen die wohlbekannte Ermahnung: Schreibe niemals eine dieser Nummern oder eines der Wörter auf! Es könnte Dein Schaden sein, wenn die bösen Mißbraucher sie fänden und ständig auf Deine Kosten telefonierten oder hemmungslos Deine Konten plünderten. Hand aufs Herz, wer hat wirklich alle entsprechenden Unterlagen vernichtet?
Ich! Hoffentlich geht das gut. Und was mache ich, wenn eines Tages die Verkalkung und die Vergreisung einsetzen? Nun, vielleicht benötige ich dann keine Geheimnummern und Paßwörter mehr, weil ich nur noch blöde in den Fernseher starre. Welche Programmnummer hatte 3.sat noch gleich?
Nein, soweit ist es ja noch nicht. Die ersten Anzeichen nachlassender Gehirnleistung werden wohl die vergessenen Telefonnummern sein, von denen ja meistens einige in den grauen Zellen abgespeichert sind. Wenn ich so nachzähle, komme ich auf immerhin fünfundzwanzig. Mit den zwölf Geheimdingern von oben habe ich mir also siebenunddreißig mehr oder weniger unzusammenhängende Buchstaben- und Zahlenkombinationen zu merken!
Allein diese Betrachtung zeigt, daß meine Oma mit ihrem Leben in dieser elektronisierten und verschlüsselten Zahlenwelt nicht mehr klarkommen würde. Aber nicht nur Großmutter und Großvater. Alle, die nicht mit diesem neumodischen Kram zu tun haben, werden irgendwann wie das vielzitierte Rindvieh vorm Berg stehen und nicht mehr wissen, wie sie hinübergelangen sollen, ohne vorher ein neues Gehirn zu kaufen. Also rufen wir vereint und weltweit die Elektronisierer und Zahlenjongleure auf, sich hier etwas neues auszudenken! Meinetwegen auch Handauflegen zum Zwecke des Vergleiches mit abgespeicherten personenspezifischen Gensequenzen, die aus dem Handschweiß in den Analysator diffundieren oder durch tiefes In-die-Augen-blicken, um die einzigartige Färbung der Iris zu sensieren. Pech nur, wer dann den Grauen Star hat ... ×
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Eckkneipe Copyright 2005 Wilhelm Meyerhoff
„Herta, schieb mal ´nen Bier rüber!” „Laß Du mich bloß in Ruhe und kauf´ Dir selber Kippen.” „Meine Alte ist bekloppt, was soll ich zu Hause?” oder „Uschi, hassu mol ´ne Maak fü mich?” So oder ähnlich klingt es heutzutage in vielen Eckkneipen Deutschlands. Erschreckend.
Und alle qualmen wie die Verrückten. Du brauchst da nur fünf Minuten reingehen und schon mußt Du Deine Klamotten hinterher zehn Stunden zum Entmiefen raushängen. Laß bloß die Tür zu, damit der Mief draus-
sen bleibt!
Einer redet über die CDU, der nächste über die Sozis und die Grünen und alle glauben, daß sie einen besseren Bundeskanzler abgeben, als alle Politiker in Bonn zusammen. In der Ecke knobeln sie und wenn einer nicht aufpaßt, wird er rigoros zusammengefaltet. Der Tresen und die Tische kleben vom Bier und Nikotin. Wenn Du aufs Kloo willst, mußt Du vorher eine Unfallversicherung abschließen, die ausdrücklich Stürze auf schlüpfrigen Böden berücksichtigt. Und wenn Du Pech hast, findest Du ein Urinal vor, das für Deine kurzen Beine viel zu hoch hängt. Entweder hatte der Klempner zu lange Beine oder er war schon vor Einweihung des Lokals blau.
Solche Kneipen sind offensichtlich eigene Welten, in die Leute, die ihren Job hassen oder die anderweitig nicht mehr klarkommen, einfallen, um sie irgendwann nachts per Taxi oder auf allen Vieren Richtung Bett wieder zu verlassen. Natürlich nicht ohne vorher einen großen Teil ihres Lohnes versoffen zu haben. Oder noch schlimmer, anschreiben zu lassen, um dann am Ende des Monats alles in Summe zu bezahlen, um gleich wieder mit Schulden anzufangen. Oder es torkeln Leute rein, die kein zu Hause haben oder die nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Nee, das wär´ nichts für mich. Typen, wie Du und ich, die eine liebe Frau, normale Kinder und vielleicht noch ein Hobby haben, triffst Du dort nicht. Die sind in ihren vier Wänden oder sonst wo.
Das Härteste sind Versammlungen, die die Stammgäste abhalten. Meistens geht es ums Sparen und was mit dem Geld am Ende des Jahres gemacht werden soll. Wer kennt sie nicht, die unvermeidlichen blechernen Sparkästen mit dem Charme der fünfziger Jahre, mit den Nummern und den kleinen Schlitzen, die eigentlich nur für Kleingeld vorgesehen sind? Selbst Leute, die eigentlich kein Geld haben, stecken da was rein. Rätselhaft. Ich bin sicher, daß am Ende des Jahres, wenn es bei der Sparklubversammlung keine Toten gegeben hat, alles verfeiert und versoffen wird. Bei diesen Zusammenkünften scheint jeder gleichzeitig reden zu müssen. Von Gesprächsdisziplin hat da noch nie einer was gehört. Ab und zu gelingt es der oder dem Vorsitzenden, durch lautes Schreien kurzzeitig Gehör zu finden. Nach wenigen Sekunden ist es jedoch wieder vorbei, weil ohnehin jeder schon halb zu ist. Wahrscheinlich muß man solch eine Versammlung an Orten ohne Theken und Tresen abhalten, damit was dabei rauskommt.
Wie schön ist es doch da bei unseren europäischen Nachbarn. Da findest Du alle Schichten vertreten. Nicht, weil zu Hause nichts los ist, sondern weil alle gern in Gesellschaft sind. Und die Kneipen kannst Du nicht Kneipen nennen. Alle haben eigenen Stil und Flair. Keiner guckt Dich schräg an, nur weil Du ins Bistro oder in einen Pub gehst und deswegen ein vermeintlicher Säufer seist. Drücken wir also die Daumen, daß unsere Vereinigten Staaten von Europa die Kneipenlandschaft und deren Kundschaft in Deutschland zum Positiven verändern. Dann kann das Zusammenleben ungezwungener werden und man braucht nicht unbedingt einen Privatverein zu gründen, um wenigstens ab und zu mal raus- beziehungsweise in gute Lokaltitäten reinzukommen. ×
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Muldimedia Copyright 1995 Wilhelm Meyerhoff
Am 21. Dezember kam die Meldung über den Rundfunk. Das neue Wort des Jahres 1995 heißt MULTIMEDIA. Toll! Sensationell! Oder nicht?
Eher wohl nicht. Ich bin multimedia, du bist multimedia, er, sie, es sind multimedia. Wieso ist solch ein Kunsthonig ... äh Kunstwort überhaupt ein Wort? Niemand weiß mal wieder, was es nun exakt bedeutet, doch jeder verwendet es, wenn nur sein Computer ein CD-ROM-Laufwerk hat oder eine Karte zur Audiowiedergabe. Achtung Soundblaster! Sicherlich werden wir heute - und zukünftig noch viel mehr - mit Informationen, Tönen, Musik und Bildern, fest oder bewegt, aus unterschiedlichsten Quellen berieselt und bedonnert (Was sind schon 130 Phon?). Letztendlich kann ich mir aber aus verschiedenen Quellen selbst heraussuchen, was ich hören oder sehen möchte. Aber multimedial? Ich habe nur zwei Ohren, zwei Augen und zwei Gehirnhälften! Wenn schon mehrere Dinge gleichzeitig auf mich niederkommen, dann bitte zusammenhängende und nicht mehr als zwei. Bei dreien wird es langsam störend. Vielleicht mag ich deswegen die Oper nicht!? Musik, üppige Bühnenbilder und mindestens einer, der schreit. Nein, konzentrierter Genuß, unverwischt, nur das macht mich an. Wenn mein Rechner oder meine Unterhaltungselektronik zu Hause multimedial sind, bitte schön. Ich bin es jedenfalls nicht. Ich ziehe mir eins nach dem anderen rein. Vielleicht Susi und Strolchi, dann Mozarts Requiem und anschließend schleppe ich mein Fernrohr raus und laß mir zweikommafünfmillionen Jahre alte Photonen aus dem Andromedanebel in die Netzhaut donnern. Das nenne ich ausnutzen von Medien!
Medien sind Informationsträger und -überbringer, Katalysatoren für Reaktionen und die Entstehung weiterer Informationen. Sie sind nichts anderes als Hilfsmittel, die vielfach und gleichzeitig eingesetzt nun multimedia heißen sollen. Richtig in Szene gesetzt, bringt das Geld, wie wir alle sehen können. Also ende ich passend neudeutsch: Thanks to the Freie Marktwirtschaft! ×
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Bremen, im November 2005