Persönliche Reden


Titel Wann?
Drei Freunde feiern  ihren 40. Geburtstag.
08/92
75. Geburtstag des Vaters
04/89
80. Geburtstag der Mutter
09/96
85. Geburtstag des Vaters
04/99
Silberhochzeit von Freunden
04/01
 
 
 
 

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80. Geburtstag der Mutter


Es lebt der Mensch, wenn´s lange ist, zwar
selten mehr als 80 Jahr.
Wovon er zehn damit zubringt,
daß er fleißig ißt und trinkt.
Zehn weit´re, schätz´ ich, sind nicht viel
für Müßiggang, Genuß und Spiel.
Der Schlaf wohl zwanzig Jahr ihm nimmt.
16 bleibt der Mensch ein Kind
und ist nichts nutz zu solcher Zeit.
4 Jahr´ macht Krankheit, Ärger, Streit.
So bleibt nur noch der vierte Teil
des Lebens für das Seelenheil.
        Liebe Mama, liebe Gäste,

        als ich mich jetzt hinsetzte, um mir Gedanken für meine heutige Ansprache zu machen, fiel mir auf: Ich bin bisher nur einmal, anläßlich Deines 75. Geburtstages, aufgestanden, um eine richtige Rede auf Dich zu halten. Um wieviel wichtiger ist jedoch dieser runde Geburtstag, Dein 80., den Du nun feierst!. Und um so wichtiger die Worte der Ehrung, die dazugehören! Du bist nicht nur fünf Jahre älter geworden, nein, Du hast weitere fünf Jahre in Gesundheit und Frieden, ohne Gebrechen, leben können. Wenn man 80 Jahre geschafft hat, bedeutet das viel. Unter anderem die Aussicht, daß es so weitergehen kann!
        Machen wir mal einen Sprung dahin, wo alles begann. Der Chronist vermerkt das Jahr 1916.
Du bist ein Sonntagskind. Du wurdest an einem Tag geboren, an dem die Böhmezeitung nicht erschien und heute noch nicht erscheint.
        Die Nachricht Deiner Geburt hätte damals bestimmt die Titelseite gefüllt! Trotz des Krieges, der damals die ganze Welt in Atem hielt. Aber im goldenen Oktober gedeiht ein guter Wein und Du bist da keine Ausnahme. Was also zeigt, daß auch unsere Lüneburger Heide gute Gewächse hervorbringt.
        Zur Geburt sagte Eugen Roth übrigens folgendes:

Geboren wird der Mensch als nasser.
Ein Säugling ist fast durchwegs Wasser.
        Diese profunde Erkenntnis traf natürlich auch auf Dich zu. Darüber hinaus berichtet der Chronist, daß Du erst blau warst und dann rot wurdest. Das hat sich heute geändert. Du wirst bei den richtigen Gelegenheiten gleich rot. Wir alle kennen Deine Rotbäckchen, die Dich noch lieber und sympathischer machen, als Du ohnehin schon bist.
        Am 16. Mai 1941 stellte ein besonders wichtiges Ereignis die Weichen für Dein weiteres Leben.
Du heiratetest den strammen Heinrich, der als germanischer Blondschopf bestimmt die Ohren vieler Mädchen zum Klingeln hätte bringen können.
Gott sei Dank namst Du ihn, sonst wäre ich heute so wohl nicht hier. Mehr als fünfundfünzig Jahre lebt Ihr nun schon friedlich zusammen und seid damit ein Vorbild an Treue, wie man es heute immer weniger findet.
        Wie soll ein Sohn seine Gefühle ausdrücken, ohne gleich pathetisch zu werden? Ich wähle eine schlichte Formulierung: Ich bin immer sehr einverstanden gewesen mit Dir.
        Gern möchte ich ein Zitat von Mark Twain abwandeln, der über seine Mutter sagte: Sie hatte einen Haufen Ärger mit mir, aber ich glaube, sie hat es genossen. Ich denke, daß ich - andersherum - sagen kann, daß meine Mutter wenig Ärger mit mir hatte und sie das auch genossen hat.
        Rosi, Tina, Anke, ich und sicher auch all Deine anderen Gäste hier sind glücklich darüber, daß wir heute diesen Geburtstag mit Dir feiern können.
        Was Deine Unternehmungslust und Tatkraft, zu Hause und im Freundeskreis, angeht, nimmst Du es mit vielen auf. Auch Dein Mann, der Dir noch zur Seite stehen darf, wird es zu schätzen wissen. Dich in so guter Verfassung zu wissen, ist das größte Glück, das Du uns heute schenken kannst. Gerade der letzte Check in Rotenburg hat gezeigt, daß mit Dir noch lange zu rechnen ist. Deine Gesundheit ist ein aktuelles Geschenk in der langen Kette guter Erinnerungen.
        Wenn ich an die ersten Schuljahre zurückdenke, lebt in meiner Erinnerung eine fröhliche, sorglose Zeit wieder auf. Ich sehe Kinder der Rosenstraße und Schulkameraden durch unsere Wohnung toben und im Garten spielen, sehe die Kerzen in der Adventszeit und am kleinen aber feinen Weihnachtsbaum brennen. Ich habe eigentlich nur gute Erinnerungen an meine Kindheit. Es waren herrliche Jahre mit Dir als Mutter!
        Da habe ich zwar noch eine Erinnerung an einen Rohrstock auf dem Küchenschrank, der wurde aber, glaube ich, nur in wirklichen Notfällen angewendet. Was das Wort Stubenarrest bedeutet, glaube ich auch zu wissen. Ich meine allerdings, daß der nie lange dauerte.
        Aus der Pubertät ist mir vor allem in Erinnerung geblieben, daß Du und Papa nie, auch nicht im Ansatz, den Versuch gemacht habt, mich bei Euch festzuhalten. Ich konnte mich völlig selbstverständlich von meinem Elternhaus ... von Euch ... trennen, wie es ja aufgrund meiner Ausbildung notwendig wurde. Um so lieber bin ich später bei Euch gewesen und habe mein Verhältnis zu Dir und zu Papa genossen. Ich habe sogar voller Stolz überall davon erzählt! Wie oft waren auch meine Freunde mit Frau, Kind und Kegel bei Dir, um zu feiern. Ich sage nur das Stichwort Himmelfahrt! Alle Altersgruppen fühlten und fühlen sich heute noch bei Euch als Gastgeber pudelwohl!
        So hast Du es fertiggebracht, die Kontinuität Deiner Familie zu wahren, nachdem ich aus dem Haus war. Ich denke, das ist eine Leistung, die nicht alltäglich ist, heutzutage schon gar nicht.
        Liebe Mama, ich möchte im Namen aller, die ihr Leben mit Dir verbringen konnten, die mit Dir zu tun hatten, die Dir Gutes getan haben und denen Du Gutes getan hast, danken. Du bist großartig. Ich glaube, daß ich nichts Verkehrtes sage, wenn ich - auch im Namen der hier Anwesenden - sage: ... Wir sind stolz auf Dich!
 

Liebe Gäste, wir wollen nun das Glas erheben, um auf unsere Fidele, Rüstige und Junggebliebene anzustoßen:

Die Zukunft, sie soll Dir weiterhin Glück und Liebe schenken. Sie soll Dich gesund erhalten. Und sie soll Dir alle Menschen erhalten, die Dir lieb sind. Deinen Mann, alle Deine Freundinnen und Freunde, Deine Nachbarn und Deine Familie.
Wir wollen daher trinken auf noch viele schöne und erfüllte Jahre mit Dir in unserer Mitte.

... zum Wohl!
 
 

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85. Geburtstag des Vaters

Leve Lü, tach og, wi fangt düsmol mit´n beten plattdütsch an, is ja man Frühling ...

Nu rögt an Boom sik Knupp bi Knupp,
Nu sleit de Eer die Ogen up
un kiekt verwunnert an sik dal
und süt sik sülms ton ersten Mol.
        Lieber Papa, Du siehst Dich in diesem Frühling sicherlich nicht zum ersten Mal. Es ist inzwischen Dein Fünfundachtzigster und hoffentlich wieder einer, wie es Dein erster war. Du wirst zwar nichts mehr von ihm wissen, aber es war der Anfang eines interessanten Lebens, von dem mir hoffentlich viel überliefert bleibt.
        Wir haben die 29.200 Tage Deines Lebens, die Du an Deinem achtzigsten Geburtstag schon hinter Dir hattest - und die ich damals frecherweise mit astronomischem Alter in Zusammenhang setzte -, weitergezählt. Zwischenzeitlich wurden die 30.000 überschritten und heute bist Du beim Tag 31.025 angekommen. Es fehlen also noch gut 6.000 Tage bis zu Deinem Hundersten. Wir sind aber sicher, daß Du die auch schaffen wirst. Wie damals, haben wir die Sekunden neu berechnet. Es sind inzwischen zweimilliardensechshundertsiebenundsiebzigmillionenundfünfhunderttausend Sekunden! ... Welche Uhr hält das über die Jahre aus? Bei einem Puls von etwa siebzig Schlägen pro Minute entsprechen dem zweiundfünzigmillionen Schläge Deines Herzens. ...
        Mutti und Du, Ihr seid jetzt knapp achtundfünfzig Jahre verheiratet. Man kann also sagen, daß Dein Herz ungefähr sechsunddreißigmillionen Mal - vor allem für Deine Frau - geschlagen hat!
        Aber jetzt verlassen wir die Statistik mal und werden ernst.
        Die Empfindung von Dankbarkeit in Worte zu fassen, gehört mit zum Schwierigsten, besonders, wenn sie tief und echt ist. Ich möchte das mit dem, was ich hier sage, versuchen.
        Bereits in meiner Rede zum Achtzigsten zitierte ich ein altes spanisches Sprichwort: „Wenn Du sehr alt werden willst, mußt Du beizeiten damit anfangen!“ Je älter Du wirst, lieber Papa, desto mehr müssen wir glauben, daß Du sehr früh damit angefangen hast, wahrscheinlich bereits mit dem Kennenlernen Deiner damaligen Freundin Hanna, meiner heutigen Mutter, der Schwiegermutter meiner Frau und der Oma von zwei Enkeln. Das muß Dir damals solche Energie gegeben haben, daß Du selbst den Krieg mit seinen Strapazen und der Gefangenschaft – rückwirkend gesehen – doch gut überstanden hast und auch danach wieder schnell die richtige Drehzahl aufnehmen konntest, um ein geregeltes Leben zu führen, ... nur unterbrochen vom sonntäglichen Stammtisch - hier in diesen altehrwürdigen Räumen - und den jährlichen Urlauben in Haffkrug an der Ostsee, unserem Lieblingsmeer.
        ... Ja, zugegeben, es hat auch Erholungstage und Wochen im Harz und an der Nordsee gegeben, auch Australien stand, wie wir alle wissen, auf dem Programm. Aber im Rahmen Deines regelmäßigen Lebens haben solche Tage eine mehr untergeordnete Rolle gespielt. Vor allem der ständige Kontakt mit anderen Leuten haben Dir und Mutti in Eurem späteren Leben dabei geholfen. Schau dich um, auch heute sind wieder alle da, die nur irgendwie konnten. Du kennst – und kanntest – hier in Soltau alle Alteingessenen, aber natürlich auch Neubürger. Dein langes Arbeitsleben hat Dich - trotz aller Regelmäßigkeit - mit vielen neuen Personen bekannt gemacht und mit vielfach neuen Situationen gefordert.
        Wir freuen uns wirklich darüber, daß Du auch heute noch nicht abgekoppelt bist von Deiner geliebten Soltauer Umwelt: Morgens und nachmittags unterwegs in der Stadt oder an deren Rand, Sonntags – wie gesagt – beim Stammtisch. So bekommst Du alles mit, so, wie Du es Dir wünscht und – wie wir glauben – Du es auch brauchst.
        Was ist nun in den letzten fünf Jahren, seitdem wir hier an gleicher Stelle gefeiert haben, passiert? Eines fiel mir bei der Vorbereitung der Rede spontan ein: Du hast Dir 1994 wieder ein neues Auto gekauft. Du bist dabei markentreu geblieben und bei der farblichen Auslegung seid Mutti und Du zu Euren Wurzeln zurückgekehrt: ... silber metallic. So kennt man Euch und deshalb paßt es so zu Euch. Fahrradfahren gehört ebenfalls weiterhin zu Deinem Repertoire; im Winter mit enganliegender Pudelmütze, aufgrund der man Dich schon auf dreihundertmeter Entfernung gegen den Schneesturm erkennt.
        Zum Publikum: Hinfallen ist ab und zu auch noch angesagt, aber Gott sei Dank verschont er uns jetzt weitgehendst mit Leiterexperimenten, nach denen er wie Graf Dracula aussieht.
        Wer den neuesten Stand der verschiedenen Baumaßnahmen, die im Soltauer Stadtgebiet durchgeführt werden, wissen will, rufe bitte in der Rosenstraße 17 an, Telefonnummer 2453. Notfalls kann diese Anfrage auch an den Stammtisch gestellt werden, dort ist man auch immer auf dem letzten Stand.
        Meine Ausführungen hier sind nur möglich vor dem großen Respekt und der Zuneigung, die ich für meinem Vater empfinde ... – Liebe Mutti, diese Aussage wird auch in ähnlicher Form in zwei Jahren anläßlich Deines Fünfundachtzigsten wiederkehren -. ... Diese Zuneigung war immer da. Ich hatte immer ein gutes Gefühl, wenn ich nach Hause kam. Es hat mir immer Spaß gemacht, mich mit meinem Papa zu unterhalten, vor allem auch über die heimatlichen Aspekte der Heide und natürlich Soltaus.
        Mit dieser Zuneigung schließt sich der Kreis mit der eingangs erwähnten Dankbarkeit. Die eben gesprochenen Worte könnten mir nicht über die Lippen kommen, gäbe es nicht die - für Außenstehende vielleicht nicht unbedingt sichtbare - Innigkeit, die ich zu meinen Eltern empfinde und immer empfunden habe. Auch, wenn ich lange Phasen meines bisherigen Berufslebens in größerer Entfernung zu Soltau gelebt habe. Aus meiner Sicht - und das werden hier alle kennen - gibt es nichts wichtigeres, als zu wissen, wo man herkommt, wo die eigenen Wurzeln liegen und wo man immer wieder hinkommen kann, um sich am Anker seines Lebens festzuhalten und sich wieder aufzubauen.

So, genug der Worte nun.

Wie sich das gehört, folgt zum Schluß jetzt ein Toast:
 

Das Glas ist rund, der Mund ist rund,
Getränke vielfach kunterbunt.
Die Leber hoffentlich gesund
stürzt das Getränk tief durch den Schlund.

Im Magen wärmt es wohlig locker,
ist es verdaut, haut´s oft vom Hocker.

Nein,
heut´ wird es uns viel besser geh´n,
kann irgendwer nachher nicht steh´n,
werden kräftige Leute weiterseh´n.

Keiner wird hier schlafen müssen,
jeder kommt auf´s eigene Kissen.

Viel Spaß wünschen wir nun allen, alles Gute und alle Gesundheit, die nur denkbar ist, für unser Geburtstagskind, Geburtstagsvater und –opa
 

... Zum Wohl!
 
 

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Silberhochzeit von Freunden


Liebe Erika, lieber Friedhelm, liebe Freunde!
Liebe Gäste, die meine Frau und mich kennen und liebe Gäste, die meine Frau und mich nicht kennen!
Liebe Blumen und anderen Lebewesen in diesem Raum!

        Ich hatte eigentlich vor, eine seriöse Rede zu halten mit ernsthaft gesetzten Worten, die ergreifend diese Silberhochzeit in die richtigen Worte kleiden sollte. Um die Gedanken für den erforderlichen Wortfluß zu lösen, genehmigte ich mir deshalb ein paar Gläser mit Hochprozentigem und stellte hinterher fest, daß das, was ich in den Computer hackte, alles andere als seriös war. Und das müßt Ihr im folgenden nun ertragen. Aber, Ihr werdet sehen, daß das mit der einen oder anderen Erkenntnis verbunden sein wird.
        Bei unserem Silberpaar handelt es um zwei Angehörige der Spezies des mittel- und norddeutschen Homo Sapiens. Die Zwei leben schwerpunktmäßig in Soltau, manchmal aber auch im Laufschritt auf Amrum, in St. Peter Ording oder anderen Orten, an denen kein Hindernis Friedhelms Lauferei stören könnte. Sind sie in Soltau, so meistens in der Rosenstraße 7. Sie haben es geschafft, Ihren Nachwuchs auf zwei zu begrenzen. Obwohl wir zu glauben wissen, daß es mehr hätten werden können. Friedhelm hat aber, wie wir wissen, einen kräftezehrenden Beruf. Aus unserer Sicht auch einen seriösen, interessanten und schönen, der ihn aber neben seinem Privatleben sehr fordert. Man muß bedenken, daß er immerhin höchst harte Dinge einfach mal ebenso verbiegt, darauf herumkloppt, schweißt, bohrt, schraubt, sägt, sandstrahlt und zum Schluß – nach Verzinkung und Rechnungsstellung – zack! – ist der Gummiwagen oder das Gartentor fertig und übergeben; ... und erfreut das Auge, Herz und Portemonnaie des Kunden. Der wird sich dann allerdings nach vielen Jahren immernoch freuen, daß sein Tor wie neu aussieht. Qualität ist die Devise, und wenn das eben mal ein paar Mark mehr kostet, na und? Das muß sein und davon leben Lühmanns.
        Kürzlich ist ein Meisterschüler durch seine Prüfung gerasselt, weil er fertig vorfabrizierte Teile verwendet hatte und diese dem Prüfungsausschuß unterjubeln wollte. Gottseidank ging das schief, weil die Prüfungsmeister – Friedhelm ist ja auch so einer - sofert erkannten, was los war. Handwerkliche Schummelei werdet Ihr bei ihm nicht finden. Also, Leute, wer Eisen braucht, egal in welcher Form, ab in die Rosenstraße, um das geschmiedete Geschmeide zu bestellen.
        Bevor wir uns jetzt in schmiedeeisernen Gedanken verlieren, wollen wir nicht vergessen, daß Friedhelm sein Eisen natürlich nur biegen kann, weil er die entsprechende Unterstützung von Dir, lieber Erika, hat. Wir haben früher wirklich nicht gewußt, daß Frauen solch eine wesentliche Rolle bei der Behandlung und Verarbeitung des Eisens und Stahls spielen. Es muß ein unglaublicher Energietransfer von der Ehefrau des Eisenmeisters auf ihn selbst stattfinden, der ihn immer wieder zu Höchstleistungen peitscht, selbst wenn das Essen manchmal weniger eiweiß- und fetthaltig ist, als vegetarisch. Das zeigt aber wiederum, daß Eisen auch mit pflanzlichen Mitteln geformt werden kann.
        Wenn man sich überlegt, wieviel von der schon angesprochenen Energie aufgewendet werden muß, damit Friedhelm seinen Umsatz machen kann, den er braucht, um auch seinen Töchtern ständig neue Tapeten und sonstige Malerutensilien für deren vielfältige Wohnungswechsel zu beschaffen, kann man erahnen, was an Energieproduktion in diesem Haushalt stattfinden muß.
Mein Schatz und ich sind neulich spät nachts die Rosenstraße hinuntergefahren. Und ihr könnt das glauben oder auch nicht, oben hinter der Schlafzimmergardine der beiden war ein waberndes, teils hell aufflackerndes und geisterhaftes Leuchten und Blitzen zu sehen. Die Geräusche dazu hätten wir auch gern gehört, allerdings war unser Motor zu laut. Ich sagte noch zu meinem Schatz: „Guck Dir das an. Jetzt wissen wir endlich, wo die Energie herkommt, die dauernd das Eisen in der Schmiede biegt!“
        Aber die Energieausbrüche hinter der Gardine erfolgen wohl in zwei Richtungen. Denn Erika kommt uns ebenso kraftgeladen vor: Wie Gutemiene, die in einem der Asterix-Bände ja auch mal Zaubertrank trinken und anschließend mithelfen durfte, die Römer zu verprügeln. Aber keine Angst, jetzt folgen keine Ausführungen über Schläge, die Friedhelm sich von seiner Frau einfängt!
        Liebe Erika, durch Deinen geliebten Zaubertrank - wie bei Miraculix aus vielen Kräutern zusammengebraut - wissen wir nun endlich, was dieses Supergebräu der Gallier wirklich war:    Jägermeister!!!
        Ich möchte nun versuchen, ernsthafter zu werden. Wie gesagt, ich hatte mir vorgenommen, eine Rede zu verfassen, die einen halbwegs seriösen Charakter haben sollte. Das war bis zu diesem Punkt des Vortrags einfach nicht möglich. Zu erklären ist das mit der Stimmung, in der man als Schreiber sein kann. Wer öfter versucht, Buchstaben in sinnvoller Reihenfolge auf das Papier zu bringen, kennt die sogenannte Blockierung des Schreibzentrums. Wie ich inzwischen festgestellt habe, kann diese auch themenabhängig vorkommen. Das Geschreibe über Hobbys, mit denen man sich gut auskennt, stellt überhaupt kein Problem dar, oder das Gerede über Nachbarn, von denen man ja auch alles weis, oder das Gefasel über Politiker, denen man ja immer schon mal verklickern wollte, wie es eigentlich funktioniert, richtig und glaubhaft Bundeskanzler zu sein.
        Aber setze Dich bitte mal hin und schreibe eine Rede mit halbwegs vernünftigem Inhalt, bei dem nicht mindestens die Hälfte der Zuhörer einschläft und später sagt: „Schon wieder so´n Laberheini!“
        Daher könnte jetzt eine andere, schwierigere Version folgen. Die typischen Rückblenden anläßlich solcher Jubiläen zählen ja immer die vielfältigen Stationen des Lebens der beiden Partner auf: Was sie alles gelernt, praktiziert und mehr oder minder erfolgreich umgesetzt haben, wie sie sich kennen- und liebengelernt, ein paar Jahre so weitergemacht und letztendlich geheiratet haben. Das will ich Euch aber ersparen und nicht mitteilen.
Ich will Euch auch überhaupt nicht erläutern, daß ich vor etwa dreißig Jahren mal Friedhelm, von dem ich wußte, daß er weit weg im Solling das Schmiedehandwerk lernte, mit einer dicht- und schwarz- und recht langbelockten jungen Dame am Stubenfenster meiner Eltern vorbeiturteln sah; was übrigens mein erster, wenn auch indirekter und von Erika nicht bemerkter Kontakt mit ihr war.
Und weil ich Euch das alles nicht erzählen will, werde ich auch nicht rauslassen, was mein so ziemlich ältester Freund Friedhelm und ich so als Kinder manchmal getrieben haben. Das Wissen darüber hätte vielleicht dazu führen können, das Erika, aber auch mein Schatz, uns nie geheiratet hätten.
        Es gab schon immer Sachen, die Männer – neben den allgemein bekannten Dingen – vollständig von den Frauen unterscheiden. Und um das auch bei Friedhelm zu unterstreichen, habe ich ihm noch ein kleines Präsent mitgebracht. Ich werde es ihm gleich überreichen, muß aber vorher noch folgende ernsthafte Bitte aussprechen:
        „Lieber Friedhelm, die Kleinigkeit, die Du gleich erhalten wirst, ist ausschließlich etwas für Männer und deshalb auch nur für Dich bestimmt. Tue mir einen Gefallen, und zeige den Inhalt nie – ich betone, nie – irgendwelchen weiblichen Personen. Glaube mir, sie würden es nicht verstehen. Öffne den Umschlag, wenn Du einmal allein bist, und erfreue Dich an seinem Inhalt.
        Du hingegen, liebe Erika, kannst so etwas nicht bekommen. Und das tut mir leid, denn für Damen gibt es nichts Vergleichbares.“
        Ich glaube, daß Friedhelm, ähnlich wie ich und unsere anderen Freunde, immer noch die großen Kinder sind, mit dem entsprechenden Blödsinn im Kopf (Wir beweisen das ja immer wieder bei unseren ... was immer fallbezogen passen mag ... [Anm. d. Red.]).
        Und genau das funktioniert nur, davon bin ich jedenfalls fest überzeugt, weil unsere Ehefrauen die Blödelei – und wohl auch das Kind im Manne – lieben.
        Denn nur supercool und sachlich, yuppiemäßig, am besten mit faltenfreiem Nadelstreifenanzug und Gesicht, mag vorübergehend ankommen, aber Bodenständigkeit und Integration in die Umwelt und Heimat ist in der Regel das, was mehr zählt.
        Deshalb, Ihr beiden Silbernen, freuen wir uns darauf – und Rosi und ich denken, daß diese Aussage für alle hier gilt -, daß wir uns zu Eurer Goldenen Hochzeit in 25 Jahren alle munter wiedersehen und bis dahin weiterblödeln werden.
         Zum Schluß möchte ich Euch nun bitten, die Gläser zu erheben:

Das Glas ist rund, der Mund ist rund,
Getränke vielfach kunterbunt.
Die Leber hoffentlich gesund
stürzt das Getränk tief durch den Schlund.

Im Magen wärmt es wohlig locker,
ist es verdaut, haut´s oft vom Hocker.
Drum trinkt so viel, wie Ihr vertragt,
dann seit Ihr später nicht verzagt.

Und könnt die Feier schön genießen,
dem Silberpaar das Fest versüßen.

Schluß jetzt hier auf Seite acht,
Seht zu, daß Ihr jetzt weiterlacht.


 
Zum Wohl und prost!

 

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75. Geburtstag des Vaters

 

Lieber Papa, liebe Mutti, liebe Gäste!

        75 ist er nun schon! Wo sind die Jahre geblieben?
        Obwohl man sie schon ein bißchen sieht, kommt es mir so vor, als hätte Papa sich, solange ich zurückdenken kann, überhaupt nicht verändert. Kürzlich erwähnte er, daß die Zeit seit der Kriegsgefangenenschaft bis heute wie ein Tag war. Das kann ich nur bestätigen, denn das ist genau die Zeitspanne, in der ich auch gelebt habe und mir kam es genauso kurz vor.
        Ich will hier eigentlich keine Lobrede halten, aber nichtdestotrotz möchte ich mich hier einmal hochoffiziell für alles das bedanken, was ich von ihm erhalten, erfahren und gelernt habe. Das gleiche gilt natürlich auch für Mutti! Ich hätte früher in der Realschule, im Werkunterricht bei Florian Bartos, sicherlich hier und da Probleme bekommen, wenn nicht ein gewisses handwerkliches Verständnis – vom Vater vermittelt – dagewesen wäre. Zum Thema Handwerk an dieser Stelle eine kleine Anekdote: Holzverbindungen: ... er hat lieber genagelt, als geschraubt! ... (was hier fallweise immer gerade paßt [Anm. d. Red.])
        Eigentlich ist Papa ja schon Pensionär (das klingt besser als "Rentner"), aber in der Zeit, die er nicht mehr im Geschäft arbeitet, wirbelt er jetzt dafür im Haus in der Rosenstraße herum. Den ganzen Dachboden hat er inzwischen isoliert und getäfelt. Selbst einen kleinen Werkraum, dem ich als Junge schon immer hinterhergettelt hatte, hat er sich inzwischen selbst eingerichtet.
        Auch das ureigenste Heiligtum meiner Mutter, der Garten, ist nicht mehr sicher vor seinem pensionärem Arbeitseifer. Die Tage so mancher Pflanze oder so manchen Triebes waren offenbar schon lange gezählt. Ich hoffe, daß Mutti den Garten wieder entsprechend ihrem eigenen Gusto in den Griff bekommen wird.
        Wenn ich so nachdenke, würde ich meinen, daß die Arbeiten am Haus irgendwann in näherer Zukunft beendet sein müßten. Vielleicht macht er dann dich noch war, was er vor Jahren schon einmal vorhatte: Nämlich irgendwo, möglichst nicht zu weit weg, ein Wäldchen in ausreichender Größe zu kaufen, um sich dann dort zu beschäftigen, oder sollte ich besser sagen, „auszutoben“?
        Aber natürlich gibt es neben der arbeitsmäßigen Beschäftigung auch noch zwei kleine Damen namens Tina und Anke, mit denen nach wie vor und liebend gern in der Badeanstalt getobt oder sonstiger Blödsinn getrieben wird. Im Bad wird er jedoch zur Zeit nicht das Geld los, was er eigentlich – als Anreiz – gerne spendieren würde für gewisse Sprünge der zwei genannten Damen vom Drei- bzw. Fünfmeterbrett; aber der Mut, der in der Vergangenheit bereits gezeigt wurde, wird sicherlich noch zu weiteren Erfolgen führen.
        Themawechsel: Vor 2000 Jahren, bei den Galliern im heutigen Westfrankreich, gab es ein Sprichwort, zumindest in den wohlbekannten Geschichten von Asterix und Obelix, daß das Schlimmste, was einem passieren könnte, wäre, wenn einem der Himmel auf den Kopf fallen würde. Ich möchte den Spruch hier etwas abwandeln: Das Schlimmste, was Papa passieren könnte, ist, daß er Sonntagsabends nicht zum Stammtisch gehen kann. Verhinderungsanlässe haben früher oft zu Diskussionen mit meiner Mutter geführt. Ich muß aber gestehen, daß ich die Institution und den regelmäßigen Besuch des Stammtisches ebenso gut finde. Denn letztendlich stellt er einen wesentlichen Teil der – wichtigen – Heimatverbundenheit dar. Deshalb würde ich mich wirklich freuen, wenn es mir eines Tages auch vergönnt sein darf, dabei sein zu können. Aus verständlichen Gründen hoffe ich natürlich, daß das noch recht weit in der Zukunft liegt, denn: Meine Eltern sollen 100 Jahre alt werden!
        Zum Reisen: Vor zweieinhalb Jahren, anläßlich des siebzigsten Geburtstages von Mutti, habe ich an gleicher Stelle schon einmal was zum Reisen von mir gegeben. Und, was soll ich heute sagen? Wie jeder weiß, hat inzwischen die Reise nach Australien stattgefunden. Mutti würde am liebsten schon wieder dorthin losdüsen. Aber wir wollen nicht ungerecht sein, die Reiserei innerhalb Deutschlands und Europas, bis in den Atlantik, gehört ja mittlerweile zum Standard bei Meyerhoff Senior und Frau.
        Zur Gesundheit: Ich glaube, Papas gute bis sehr gute Gesundheit ist hauptsächlich auf drei Faktoren zurückzuführen, insbesondere was wieder die Zeit nach dem Krieg betrifft:

1. Regelmäßige und intensive köperliche Betätigung durch seine Arbeit als Gerber und sportlicher Ausgleich.
2. Regelmäßiges Leben, auch außerhalb der vorgenannten körperlichen Betätigung.
3. Ganz wichtig aber: Trotz der Belastungen durch den Krieg geistige Ausgeglichenheit! Vielleicht sieht Mutti das manchmal anders, aber grundsätzlich ist das mit ein bestimmender Grund.
        Jetzt möchte ich ihm vor allem wünschen, und ich bin der festen Überzeugung, daß der Wunsch weitgehend in Erfüllung gehen kann, daß sich die gute Gesundheit auch bis zu seinem 100en Geburtstag erhält. Aber, wie gesagt, durch das Blödeln mit den Enkeln, seiner lockeren Einstellung und Haltung wird das schon klappen.
        Es gäbe eigentlich noch sehr viel zu sagen, aber das spare ich mir gern für die nächsten Jubiläen auf. Heute ist der 11. April, zweimal die „1“, zweimal der 1. April? Nein, Gott sei Dank kein Aprilscherz, und schon gar kein doppelter. Wir können also weiterfeiern. Ich habe es bisher noch nicht herausgebracht, aber vielleicht ist Papa jetzt noch gar nicht 75!? Wenn er erst abends um 20:00 Uhr geboren wurde? Dann müßten wir alle heute noch solange weiterfeiern!
 
 
 

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Bremen, im April 2001