Das Rotkehlchen Ein vogelkundlicher Winterdialog Copyright 2001 Wilhelm Meyerhoff "Unser Rotkehlchen taucht doch nur auf, wenn es kalt ist!" Ich kann meine Frau einfach nicht beruhigen.
"Zerfleischt! Gefressen! Erfroren! Mein Lieblingsvogel ... bestimmt tot!"
"Du weißt doch, daß er immer nur in Wintern mit wirklichem Frost erscheint. Hatten wir den dieses Jahr schon?"
"Natürlich, vorgestern, die Nacht mit minus fünf Grad!"
"Ja", erwidere ich vorsichtig, "bisher aber nur einmal."
Insgeheim hoffe ich, daß meine Weisheit stimmt. Wir können tatsächlich Frost gebrauchen nach dem eher warmen Einheitswetter und grauen Wolkenbrei der letzten Wochen. "Denke an die letzten Jahre! Wenn die Kälte nach wenigen Tagen nicht verschwunden war, steuerte Dein Pieper regelmäßig unseren Garten an, weil er genau wußte, hier gibt es die notwendigen Kalorien zum Überleben."
Ich höre zwar ein Antwortbrummeln, aber die Tonfolge läßt sich nicht entschlüsseln.
Diese Art von Gespräch wiederholt sich derzeit im Zweitagetakt. Heimlich schiele ich zum Sammelteller an der Wand, der zwei aufgeplusterte Exemplare der niedlichen Rotbrüstigen im dichten Schneetreiben zeigt. Die Kohl-, Blau- und Tannenmeisenpärchen der anderen Teller gehören ohnehin zu unseren regelmäßigen Wintergästen, denn hier locken verheißungsvoll tropische Kokosnußschalen mit europäischer Füllung aus Sonnenblumenkernen zur Flatterschlacht um die besten Stückchen. Ganz zu schweigen vom Angebot im Vogelhaus, das sogar mit Rosinen aufwarten kann! Was also hält das Rotkehlchen ab?
Ich versuche es wieder: "Mein Schatz. Erst, wenn seine Nahrung an-, ein- oder festfriert, erinnert es sich offenbar an unseren Garten mit seinem Futterangebot. Wahrscheinlich fühlt sich das kleine Kerlchen nicht recht wohl, wenn es die Speisen hier auf dem Präsentierteller der Terrasse konsumieren muß. Deshalb läßt es sich nur im äußersten Notfall darauf ein."
Meine Frau appelliert an die Intelligenz der Tierwelt: "Wenn es so vorsichtig ist, aber gleichzeitig so schlau denken kann, dann müßte es doch wissen, daß ihm hier nichts passiert. Es könnte also sofort herkommen!"
"Dieser Vogel trennt sich eben nur schwer von dem, was er in der freien Natur findet. Es schmeckt ihm hier wohl nicht so gut." Das hätte ich besser nicht sagen sollen, denn meine Frau ist eine ausgezeichnete Gastgeberin und Köchin.Prompt kommt die Antwort: "Du weißt genau, daß auch meine fliegenden Gäste nur das Beste bekommen!"
"Das weiß ich doch. Aber immerhin fehlt der Fleischanteil, denn das Rotkehlchen bezieht einen großen Teil seiner Energie aus Würmern, Insekten und Spinnen. Zwar gehören auch Samen und - jetzt in der kalten Jahreszeit - Beeren zu seiner Nahrung, aber genauso, wie Du nicht ohne Fleisch auskommst, benötigt es ebenfalls seine Rationen." Gut, daß ich mich durch die entsprechende Fachlektüre gerade schlau gemacht habe.
Aber auch den nächsten Fettnapf betrete ich ohne Umschweife: "Im übrigen lebt solch ein Vogel durchschnittlich drei bis vier Jahre. Überlege Dir mal, wieviel Winter wir ihn schon beobachtet haben. Es könnte also sein ..."
"Das glaube ich nicht! So ein kleiner Niedlicher kann nicht einfach sterben. Im Herbst ist er doch noch dagewesen."
Ich vereinfache meine Wärmeargumentation: "Kein Frost, kein Rotkehlchen."
Wir haben jetzt Februar, draußen zehn Grad und es stürmt und hagelt. "Schau raus, meine Vogelmaus, es herrscht bereits klassisches Aprilwetter. Das merkt Dein gefiederter Liebling auch. Da er im April bereits sein Nest baut und gegen Ende des Monats die Eier legt, wird er sicher vom Wetter getäuscht und entwickelt schon jetzt die entsprechenden Frühlingsgefühle." Der Versuch, die Diskussion moderat ausklingen zu lassen, scheint Erfolg zu haben. Dennoch, da ich die Gedanken meiner Frau genau kenne, registriere ich zum Ende unseres Dialoges mit gemischten Gefühlen ihre abschließenden Worte:
"Wehe, Du hast nicht recht ..."
Anfang April erhalte ich einen Anruf: "Mein Schatz, das Rotkehlchen war eben auf unserer Terrasse! Es lebt noch!" Meine Gedanken und mein Körper befinden sich zwar gerade geschäftlich auf einer Dienstreise, aber dennoch bemerke ich tief in meinem Inneren eine gewisse Entspannung und Freude, daß das häusliche Weltbild wieder stimmt und der angetraute Liebling des großen Lieblings seinen kleinen Liebling wiederhat.
... zurück zur Übersicht, zur Heimseite ... oder vielleicht zur Terrassenbahn des Autors?
Bremen, im März 2001