Das Wunder im Magen
 
Copyright 2000, Wilhelm Meyerhoff
 

        Was haben die Wiesen am Soltauer Böhmewald mit der Verdauung zu tun? 
        Zunächst mag diese Frage seltsam anmuten. Hat man aber das Glück, Eltern zu haben, deren Vorfahren noch das Wissen über die Hausmittel zur Linderung der verschiedenen Wehwehchen weitergaben, bekommt die Frage einen Sinn. Zwar gab es früher auch schon Apotheken, dennoch wurde die Natur noch direkt genutzt, um im Vertrauen auf die über die Jahrhunderte erwiesene Wirkung von natürlichen Heilmitteln sich und seinen Mitmenschen zu helfen. 
        Auch dem Verfasser kam diese Kenntnis einmal sehr zu Hilfe. Hatte er doch am Abend zuvor gefeiert und wie das als junger Mensch so sein kann, kräftig einen über den Durst genommen. Wäre es ihm wenigstens gelungen, den Tag danach vollständig zu verschlafen. Aber nein, neben den vergeblichen Denkversuchen und schnellen Drehungen des Schlafzimmers um das Bett – um alle drei Achsen, versteht sich – verschlimmerte auch noch eine gewaltige Magenverstimmung den Zustand des ohnehin darniederliegenden Korpus Alkoholikus. 
        Nun traten die Eltern auf die häusliche Bühne und meldeten dem Sohn, daß sie selbstverständlich etwas gegen seine Magenmisere hätten, aber den Kopf müßte er schon allein klarbekommen. Immerhin, man war dankbar für jede Hilfe und so wurde sie angenommen, ohne weiter über das Kommende nachzudenken. Dieses erschien unscheinbar in Form einer Tasse mit einem heißen, undefinierbar grünen Inhalt, der sich äußerlich als Tee darstellte. Ob er in jenem Moment vom Verfasser auch innerlich als Tee verstanden wurde, ist nicht überliefert, denn nach dem ersten Schluck entstand in seinem Mund ein Geschmacksorkan, der andere Medizin wie süßen Nektar erscheinen ließ. Die vorsichtige Anfrage, ob das Getränk denn wirklich vollständig konsumiert werden müsse - so schlecht ging es einem doch gar nicht – wurde nur mit strengem Blick beantwortet. Also blieb keine andere Wahl, als diese extreme Steigerungsform von Bitterkeit, die sich mit Mutters harmlosen Trinkgefäß tarnte, zu akzeptieren. In kleinsten Schlucken wurde das Gebräu in den Magen befördert, hoffend, daß es so gut helfe,

wie es schlecht schmeckte. 
        Und das Wunder passierte! Gar nicht lange, nachdem die Magenwände von dem Gebräu benetzt waren, stellte sich eine rapide Besserung der bäuchlichen Verstimmung ein. Sie war nach kurzer Zeit verschwunden und die Verwunderung beim Betroffenen enorm. 
        Ob des positiven Effektes neugierig geworden, ergab eine eher kleinlaute Nachfrage, daß es sich bei dem Trank um reinen Tee aus den Blättern des Bitterklees handelte, seinerzeit vom Vater höchstpersönlich in den Böhmewiesen am Halifax gesucht, gefunden und zuhause getrocknet. 
        Die weitere Nachforschung förderte ebenso die Bezeichnungen Dreiblättriger Fieberklee, Zottenblume, Dreiblatt oder Wiesenmangold zutage oder, lateinisch präzis, Menyanthes trifoliata. Die Enzianpflanze ist eine alte Bekannte der Kräuterkunde und wird auch kommerziell in verschiedenen Naturheilmitteln eingesetzt. Sogar im Verbund mit Alkohol kommt sie daher. Jeder kennt wohl die kleinen, braun eingewickelten Flaschen mit dem hochprozentigen Magenbitter, der so fürchterlich schmeckt, wie der beschriebene Tee, aber ähnliche Heilwirkungen hat. Man sollte nur nicht meinen, eine Kur damit machen zu müssen. 
 
 
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Bremen, im Mai 2000